Jugendliche haben besonderen Zugang zu Bewohnern

CAREkonkret Ausgabe 29 I 17.7.2015 VON OLIVER SCHULZ

Lernschwache Jugendliche sollen in Altenpflege-Einrichtungen den Einstieg
ins Berufsleben finden. Im Senioren­park Carpe Diem ist man überzeugt vom
Ausbildungs­gang „Fachpraktiker Service in sozialen Einrichtungen“.

Carekonkret_28082015Edda Schimanke nimmt zunächst als Praktikantin an dem Ausbildungsgang „Fachpraktiker Service in sozialen Einrichtungen“ teil, und unterstützt die Pflegekräfte unter anderem bei Service, Verpflegung und Reinigung. Foto: senioren-park carpe diem

Köln. Thomas Schlünkes ist überzeugt, dass lernschwache Jugendliche genau in das Konzept seines Hauses passen. Er leitet den Senioren Park Carpe Diem in Bensberg bei Köln – eine mehrgliedrige Einrichtung mit 85 Bewohnern und 90 Mitarbeitern, die erst im vergangenen Jahr eröffnet wurde. Nur unwesentlich jünger ist da der Ausbildungsgang “Fachpraktiker Service in sozialen Einrichtungen“, der ebenfalls 2014 ins Rennen geschickt wurde. Schlünkes war sofort begeistert von der Idee, lernschwachen Jugendlichen eine Perspektive zu geben. Er hat jedoch nicht gleich Azubis eingestellt, sondern eine Praktikantin vorgeschickt – als „ausbildungsvorbereitende Maßnahme“, wie er es ausdrückt. Ziel war es, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Jugendlichen mit dem Job klarkommen und nicht zuletzt auch, um die Resonanz der Bewohner zu erfahren. „Die war ausgezeichnet“, freut sich Schlünkes heute … „und auch die Praktikantin hat sich sehr gut bewährt.“ Der Hausleiter will sie ab dem Herbst fest einstellen als seine erste Auszubildende für den Job als Fachpraktikerin Service.

Anfängliche Skepsis bei kirchlichen Trägern

Die Bensberger Senioren-Einrichtung nimmt mit ihrem Ausbildungsgang an einer Initiative des Katholischen Verbandes für Mädchen-und Frauensozialarbeit Köln teil „Als Pflegeeinrichtung mit einem privaten Träger im Rücken wurden wir anfangs von den katholischen und kirchlichen Vertretern schon schräg angeguckt“, erinnert sich Schlünkes an die Planungsphase des Projektes, „aber nun, da wir bewiesen haben, das wir das Ganze seriös und ernsthaft angehen, ist auch der anfängliche Argwohn verschwunden.“

Jugendlichen fehlt oft die Perspektive

In dem bundesweitem Angebot sollen Jugendliche lernen, wie man das Pflegepersonal in Krankenhäusern, Behinderten- und Senioreneinrichtungen unterstützt. Die Idee dazu hatte der Kölner Sozialpfarrer Franz Meurer. „Diese jungen Menschen haben Empathie und Barmherzigkeit, die man nicht unterschätzen sollte“, sagte der Pfarrer gegenüber der Zeitung „Die Welt“. Mit Unterstützung des Leiters des Kölner Alexianer-Krankenhauses Manfred Lütz, des Kölner Diözesan-Caritasverbandes, der Industrie- und Handelskammer sowie des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) wurde das Projekt auf die Beine gestellt. Dieser fördert das Projekt darüber hinaus finanziell. Für Jugendliche mit einer Lernschwäche fehlten oftmals die Perspektiven, so die Oberzeugung beim Landschaftsverband, und ohne inklusive Ausbildung sei auch kein inklusiver Arbeitsmarkt denkbar.

Schwerpunktmäßig ist der neue Ausbildungsgang auf hauswirtschaftliche Tätigkeiten ausgerichtet. Wie auch in der Bensberger Einrichtung Carpe Diem zählen zu den Aufgaben der Jugendlichen Service, Verpflegung, Reinigung und das Vorbereiten von Speisen. Die Azubis werden entsprechend der Ausbildungsvergütung aus dem Tarifvertrag für das Gaststätten- und Hotelgewerbe des Landes Nordrhein-Westfalen bezahlt.

Tagesstruktur lernen

Für Schlünkes ist es eine besondere Herausforderung, Iernschwache Jugendliche aus der Reserve zu locken und sie an ein strukturiertes Berufsleben heranzuführen. „Man muss an Punkten ansetzen, die für uns alltäglich erscheinen – wie etwa fünf Mal in der Woche früh aufzustehen und auch fünf Mal in der Woche regelmäßig zur Arbeit zu gehen.“

Eine Menge Verständnis und Einfühlungsvermögen gehören schon dazu, so Schlünkes, aber wenn man den Schlüssel gefunden hat, treten für beide Seiten durchaus angenehme Situationen zutage. Der Hausleiter ist überzeugt davon, dass gerade Menschen mit Nachteilen einen guten Zugang zu älteren Menschen finden … Es mag daran liegen, dass beide Seiten mit Einschränkungen zu kämpfen haben, und dies auch das Verständnis und die Sympathie füreinander fördert“, glaubt er. Ähnliche positive Erfahrungen hat er nämlich bei den Begegnungen von behinderten und älteren Menschen gemacht. Beim Zusammentreffen mit den Jugendlichen sieht er, dass sich über die Zeit ein Verhältnis heraus kristallisiert, das ihn an ein Großeltern-Enkel-Verhältnis erinnert. „Die Älteren haben mit ihrer Lebenserfahrung auch schon mal einen Tipp für die Jugendlichen parat“, so Schlünkes, „diese danken es ihnen mit einer Prise Extra-Engagement.“

Das kann auch Manfred Lütz nachvollziehen. Die Befürchtung, die Azubis seien dem Druck in der Pflege nicht gewachsen, konterte der Kölner Klinik-Chef laut „Die Welt“ jedenfalls auf humorvolle Weise, „Lieber lasse ich mich von einem Förderschüler betreuen als von einem kommunikationsgestörten Einser-Abiturienten.“

senioren-park.de